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MIGTRÜL: DAS TOR ZUR ERFAHRUNG

Texte von Elke Hessel

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Das Nicht-Sichtbare

Das Bedürfnis, berühmte Statuen zu berühren, sie aus der Nähe zu verehren oder auch verdienstvolle, heilsame Handlungen auszuführen, hat zu einem weiteren Ritual geführt, das im ganzen buddhistischen Kulturraum verbreitet ist: die zusätzliche Vergoldung. In Burma etwa werden besonders verehrte Statuen mit unzähligen Blattgoldpapieren überzogen, aber auch in Tibet überstreicht man sie so häufig mit Goldschichten, dass die ursprüngliche Kontur verlorengeht.

Mehrfach habe ich erlebt, wie die bedeutendste Buddha-Statue Tibets, der Jowo Rinpoche, im Stadttempel von Lhasa neu vergoldet worden ist – ein seltsam intimer Akt, bei dem die mächtige, ‘entblößte‘ Bronzestatue, die normalerweise in ein prächtiges Brokatgewand gehüllt ist, behutsam unter den Augen der Spender mit Kaltgoldfarbe bestrichen wird. So haben sich im Laufe der Zeit zentimeterdicke Schichten über die ursprüngliche Oberfläche gelegt.

Wie der bekannte tibetische Gelehrte Dagyab Rinpoche schreibt, ist für einen traditionellen Buddhisten die mit dem Kunstobjekt verbundene „Segenskraft“ von entscheidender Bedeutung. Mag die Statue, die sein Meister ihm geschenkt hat, nach formalen Gesichtspunkten noch so grob sein, für ihn ist sie auf einer unsichtbaren Ebene höchst kostbar.
Niemals würde er mit dem Finger auf religiöse Objekte zeigen, sondern immer mit der ganzen, umgedrehten und leicht gekrümmten Hand. Geweihte Gegenstände werden nicht auf den Boden gestellt, schon gar nicht steigt man darüber. Die höchste Wertschätzung erfahren die – teilweise äußerst kunstvoll verzierten – traditionellen buddhistischen Bücher. Sie verkörpern die buddhistische Lehre und sind entsprechend der Aussage des Buddha wichtiger als die Lehrer selbst. Folgerichtig sollte auf sie niemals ein anderer Gegenstand, auch keine Statue, gestellt werden.

Aus dem Ausstellungskatalog BUDDHA 108 BEGEGNUNGEN, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt Mitherausgeberin Elke Hessel

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