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Text zu dem Buch „Die Welt hat mich trunken gemacht“

Die Lebensgeschichte des Amdo Gendün Chöpel, Elke Hessel, erschienen beim Theseus Verlag 2000

„Die Welt hat mich trunken gemacht“

1990 bereiste ich zusammen mit meiner Familie das Tal von Rekong im Nordosten Tibets. Während unsere Kinder in den Klöstern mit den Novizen Fußball spielten oder ihre Spielzeugautos über die Klostermauern fahren ließen, saßen mein Mann und ich in den Tempeln oder betrachteten voller Freude in den Kunsthandwerksschulen die Thankamaler und Skulpturenmacher bei der Arbeit.

Zusammen mit vielen anderen Mönchen und Pilgern stiegen wir dann nach einigen Tagen in einem fast schrottreifen öffentlichen Bus und begaben uns auf die zehnstündige Fahrt zur Klosteruniversität Labrang Tashi Kyil. Mittags machte der Bus dann Halt an einer kleinen Raststation, ganz in der Nähe des Dorfes Shölpang. Nie werde ich den Anblick des weiten, grünen Nomadenlandes vergessen, über das die tibetischen „Cowboys“ – auf ihren kleinen, kräftigen Pferden sitzend und den breiten Filzhut im Nacken – die Schaf – und Yakherden vor sich her trieben.

Ich wäre am liebsten dort geblieben.

1993 hörte ich dann während eines Deutsch-Tibetischen Kulturwochenendes den Vortrag eines Rakra Rinpoches aus der Schweiz. Dieser nette ältere Herr, der mit seiner schwarzes Baskenmütze eher wie ein Südfranzose aussah, berichtete über einem ungewöhnlichen tibetischen Künstler und Gelehrten – nämlich Gendün Chöpel, der in Rekong in Amdo geboren wurde.

Sofort hatte ich wieder die Bilder dieser grandiosen osttibetischen Landschaft im Kopf; alle Gefühle waren wieder wachgerufen. Ich empfand eine tiefe Sympathie für diesem „modernen tibetischen Narren“, über den ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.

In den nächsten Jahren begann ich alles zu sammeln, was ich an Informationen über ihn entdecken konnte.

Als Ursula Richard vom Theseus Verlag mich 1998 fragte, ob ich nicht Lust hätte, über Gendün Chöpel ein Buch zu schreiben, sagte ich spontan zu.

Inzwischen hatte ich viele Leute – die meisten von ihnen deutsche Buddhisten – getroffen, die darauf brannten, mehr von Gendün Chöpel zu erfahren.

Endlich einmal ein bekannter Tibeter – so sagten sie mir übereinstimmend – , der kein Heiliger gewesen ist, sondern ein Mensch, der unermüdlich auf der Suche nach der letztendlichen Wahrheit war, hin- und her gerissen zwischen Leidenschaften, Idealen, Glückseligkeit und Verzweiflung.

Amdo Gendün Chöphel kann als ein „Weltbürger“ bezeichnet werden, der am Ende seines Lebens alle Religionen oder auch alle Menschen gleichermaßen akzeptierte.

Er war erfüllt vom tiefgehenden Wunsch, etwas Sinnvolles für Tibet zu tun.

Seiner ungewöhnlichen Begabung und seiner großen Sehnsucht stand jedoch sein vollkommener Mangel an politischem Geschick und an Taktik gegenüber. Im Grunde seines Herzens war er schon lange jenseits der sogenannten Weltlichen Dharmas. Seine Geschichte hätte ich auch als die Geschichte eines erleuchteten heiligen Narren erzählen können. Doch das wäre seiner Person nicht angemessen gewesen.

Ein Lernprozeß, ein Erkenntnisschritt, ist nur da wirklich möglich, wo man persönlich und unmittelbar berührt wird. Wenn man einen Helden oder einen modernen Bodhisattva aus ihm macht, verpaßt man die Chance, sich selber in ihm wiederzufinden, seinen Geist wirklich von seiner Geschichte berühren zu lassen und vielleicht einen Geschmack davon zu bekommen, was Toleranz und die Weite des Geistes meinen kann. Vielleicht kann man dann verstehen, dass Versagen auch Erfolg bedeuten kann, dass Verlust auch Gewinn sein kann und Trunkenheit eine klare Sichtweise hervorrufen kann und wiederum der nüchterne klare Verstand, auf den man so stolz ist, geprägt sein kann von Vorurteilen und Verblendungen und wiederum Naivität bewundernswerter als Taktik und Kalkül sein kann.

Ich habe seine Lebensgeschichte so geschrieben, dass sie auch der „Nicht-Tibetologe“ verstehen kann, sie ist bewußt aus einem subjektiven und manchmal emotionalen Blickwinkel heraus geschildert. Die meisten Orte in Tibet und Indien, die Gendün Chöpel besucht hat, sind auch mir vertraut.

So hoffe ich sehr, dass dieses Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, die Person und Leben Gendün Chöpels im Westen bekannt zu machen.

Die Bedeutung der menschlichen Geburt in dieser Welt sollte sein, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Gendün Chöpel